5. Praxiswerkstatt der DAGV in Gotha

DAGV, Deutschland, Gotha, Landkreis Gotha, Thüringen, germany, thuringia

Gotha, die heimliche Hauptstadt der Genealogie war in diesem Jahr ein weiteres Mal Gastgeber für ein genealogisches Highlight. Zum Thema Ortsfamilienbuch trafen sich 35 Familiengeschichtsforscher aus dem gesamten Bundesgebiet zu einer weiteren Praxiswerkstatt, die der Dachverband der deutschen Genealogen, die DAGV nun in regelmäßigen Abständen durchführt.

Als Tagungsort wurde diesmal das Mehrgenerationenhaus Gotha auserkoren, dessen Vorgängerbau im Besitz von Lucas Cranach d.Ä. und seiner Ehefrau Barbara Brengebier war.

Das Mehrgenerationenhaus Gotha

Ab dem frühen Vormittag trafen die ersten Gäste ein. Und als ob uns die Stadt Gotha eine besondere Freude machen wollte, das Wetter war überragend und es gab auch etwas ganz besonderes zu sehen: Unser Tagungsort lag direkt in der „Einflugschneise“ der Burgenland-Ralley. Rund 90 Oldtimer rollten durch die Innenstadt über den Hauptmarkt und wurden am Rathaus per Handschlag von Oberbürgermeister Knut Kreuch begrüßt.

Citroen 11 CV

Im Fokus der Veranstaltung stand die Quellengattung der Ortsfamilienbücher (OFB). Diese überaus ergiebigen Sekundärquellen werden in teils jahrzehntelanger Arbeit von Genealogen aus unterschiedlichsten Quellen zusammengestellt, um die Familiengeschichte eines Ortes zusammenzustellen. Das dies nicht immer durchgängig lücken- und fehlerlos möglich ist, ist allgemein bekannt. Auch entspricht in einigen Fällen die Darstellung und der Umfang der Daten nur wenig den üblichen Maßstäben für ein Ortsfamilienbuch. Insofern möchte sich die DAGV der Anforderung widmen, Leitlinien zur Steigerung der Qualität von OFBs für seine Mitgliedsvereine zu erstellen. Das bei den Mitgliedsvereinen das Interesse an einer Mitwirkung entsprechend hoch ist, zeigt die Anzahl der Teilnehmer und die Fahrtstrecken, die viele dafür auf sich genommen haben.

Dirk Weissleder, Vorsitzender der DAGV eroffnet die Veranstaltung

Auf dem Programm standen zwei Vorträge, zum Einen referierte Tino Herrmann (AGT) über Nutzen und Einschränkungen von Online-OFB. Manfred Wegele (Vors. BLV u.  stv. Vors. DAGV) sprach über seine Arbeit und Erfahrungen bei der Bearbeitung von gedruckten Ortsfamilienbüchern.

Manfred Wegele, stv. Vors. DAGV / Vors. BLV

Für das leibliche Wohl war bestens gesorgt, ein ausgiebiges Frühstücksbuffet stand bereit.

Buffet

 

Die „Ober-MAUS“ Rolf Masemann

 

Gruppen Familien- und Wappenkunde (GFW) in der Stiftung Bahn-Sozialwerk (BSW): Herrscher über 3.500 Ortsfamilienbücher

 

Die neue Vorsitzende des Vereins für Computergenealogie e.V. (CompGen)

Die AGT hatte in Gotha natürlich einen gewissen Heimvorteil und nahm mit gleich mit sieben Vereinsmitgliedern teil. Hier ist das Interesse an Ortsfamilienbüchern relativ hoch, da es in unserem Forschungsgebiet noch viel nachzuholen.

Bis auf den letzten Platz ausgebucht

Im Nachgang der Praxiswerkstatt traf sich der Vorstand der DAGV zu einer vereinsoffenen Vorstandssitzung.

Aktuelle Probleme der Genealogie und die „Leipziger Richtlinien“

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Die Leipziger Richtlinien der Deutschen Zentralstelle für Genealogie für die Darstellung genealogischer Rechercheergebnisse sind eindeutig und waren vor dem elektronischen Zeitalter allgemein anerkannt. Die Vorgaben waren klar definiert und für Neueinsteiger standen entsprechende Vordrucke zur Verfügung (die auch heute noch abrufbar sind). Heute, im elektronischen bzw. digitalen Zeitalter macht im Grunde jeder was er will und manchem „Altgenealogen“ erscheinen die heute gängigen Netzpräsentationen und Webseiten kaum altbewährten genealogischen Standards entsprechend.

Zu viele unterschiedliche Genealogieprogramme und Datenbanksysteme konkurrieren miteinander (der kundenorientierte „Markt“ bietet die entsprechenden Einkaufsmöglichkeiten) und lässt den interessierten Neueinsteiger zumindest am Beginn orientierungslos. Oft werden Grundvoraussetzungen genealogischer Präsentationen missachtet. Nur wenige Webseiten z.B. erfüllen notwendige Bedingungen. Das beginnt bei der Darstellung der Familienstämme, die oft ohne Ortsbezug aufgelistet werden und setzt sich mit der Ortsliste fort, die dann entsprechend ohne Nennung der auftretenden Familiennamen dargestellt wird (so es überhaupt eine solche Ortsliste gibt, je nach verwendetem Programm). Berufslisten und Übersichten bzw. Listen der Stiefahnen fehlen fast regelmäßig vollständig, ganz abgesehen vom notwendigen Quellenwerk und Literaturverzeichnis. Die Programmierer sind sicherlich intelligente Menschen, jedoch scheinbar oft ohne historisches Verständnis, sonst würden früher bekannte Grundsätze anerkannt werden.

Dazu gehört beispielsweise eine Auflistung der Orte im historischen Kontext. Es ist im genealogischen Sinne unsinnig, etwa eine Ortsliste nach heute geltenden politisch-administrativen Zuordnungen (und dann möglicherweise auch noch mit aktuellen bundesdeutschen PLZ versehen) zu erstellen. Vorteilhafter ist es stets, eine Zuordnung zu verwenden, die der Länder- und Ämtergliederung des I. Reiches (bis 1806) entsprach, weil der zahlenmäßig kleinste Teil der Vorfahren (zumindest in unserer Generation zeitlich absteigend bis zur 4. oder 5. Ahnenreihe) im 19. Jh. gelebt haben dürfte, die zahlenmäßig weitaus größere Vorfahrengruppe aber bereits vor 1800 lebte. Dementsprechend ist das Hauptaugenmerk einer Ortsliste auf diese Zeit zu legen, nicht auf das 19. oder 20. Jh. Wenn in einer beliebigen Ortsliste beispielsweise zu lesen ist „Wroclaw/ Polen: Meyer, Müller, Schulze“ so ist das historisch und sachlich falsch, weil die betreffenden Probanden niemals in Wroclaw/ Polen ansässig waren (man kann sich helfen: Breslau, Prov. Schlesien, heute Wroclaw/ Polen). Dies nur als ein Beispiel.

Die Defizite werden sichtbar, wenn es sich um die Einordnung von möglicherweise noch mehrfach im politischen Territorium eines deutschen Landes vorkommenden Ortes handelt, der nicht eindeutig benannt wird. So verlor das bis 1806 bestehende Kurfürstentum Sachsen 1815 (als nunmehriges Königreich) beispielsweise drei Fünftel seines damaligen Staatsgebietes mit etwa 40 % seiner Bevölkerung an Preußen. Preußen fasste diese annektierten Gebiete i.J. 1815 als ein nunmehriges Herzogtum Sachsen zusammen und gliederte es noch im gleichen Jahr an Preußen an. Noch 1815 wurde daraus die neue preußische Provinz Sachsen und dieselbe in Preußen eingegliedert. So wurden zwei Fünftel der früheren Sachsen zu preußischen Staatsbürgern und aus zeitgenössischen Berichten ist bekannt, wie sehr die betroffene Bevölkerung darunter litt. Zeitgenossen des 20./ 21. Jh. können sich das heute nicht mehr vorstellen, aber die Menschen
des 18. u. z.T. noch des 19. Jh. definierten sich zuallererst noch lediglich über die Landschaft, in der sie lebten, dann über das politische Territorium, dem sie angehörten (also Sachsen, Braunschweig, Hannover usw.). Eine deutsche Identität in dem Sinne gab es (noch) nicht.

Wie aber findet diese historische Konstellation ihren Niederschlag in den Netzpräsentationen von heute, in den quantitativ aufgeblähten Datenbanken? Aus leichtfertigen Umgang mit geographischen Termini (meist aus Unkenntnis historischer Zusammenhänge) erwachsen dann oft Missverständnisse und falsch eingeordnete Fragestellungen in Mailinglisten und Genealogieforen. Vielen Laiengenealogen sind geographische Begriffe wie zum Beispiel „Sachsen“ eben nicht geläufig. Dabei wird der alte Grundsatz missachtet, dass geographische Bezeichnungen (ebenso freilich Rechts- und sozioökonomische Begriffe) an Ort und Zeit, mithin den konkreten politisch-administrativen Raum gebunden sind. Würden diese ausreichend untersucht und hinterfragt käme es nicht zu Missverständnissen und falschen Zuordnungen. So manchem heutigen Laiengenealogen ist beispielsweise der Unterschied zwischen Sachsen und der preußischen Provinz Sachsen nicht klar. So kommt es immer wieder auch zu Verwechslungen zwischen der Landeskirche Sachsen und der ev. Kirchenprovinz Sachsen. Dass „Sachsen“ noch zur Goethezeit eine völlig andere Bedeutung hatte wird überdies außer Acht gelassen. Damals unterschied man zwischen dem albertinischen Kursachsen und Sachsen, das ist das ernestinische Sachsen, heute den größeren Teil des Bundeslandes Thüringen bildend. Die Zeitgenossen Goethes sprachen überwiegend von Sachsen, nur selten von Thüringen (dieses nur ein Landschaftsbegriff, zumal es auch kursächsische Ämter in Thüringen, den Thüringer Kreis bildend, gab) wenn sie die sächsisch-ernestinischen Herzogtümer meinten. Auch an diesem Beispiel wird deutlich, wie sich die Bedeutung geographischer Bezeichnungen im geschichtlichen Prozess verändert.

Es kann nur immer wieder darauf hingewiesen werden, dass sich jeder Laiengenealoge darüber klarwerden muss, was er mit seinen genealogischen Recherchen eigentlich bezwecken will. Die Antriebe, sich genealogisch zu betätigen sind sicherlich vielfältig, die individuellen Intentionen ebenso. Der ernsthafte (Laien-)Genealoge wird immer bemüht sein, das Leben der Vorfahren im Kontext der Zeit zu betrachten, also nicht in erster Linie Daten zu recherchieren (und diese in an sich wertlosen Datenbanken zu präsentieren), sondern das Leben von Individuen (Vorfahren) und Kleingruppen (Handwerker, Sonderberufe, Führungsschichten, Adlige) in ihrer Zeit untersuchen. Genealogie ist in allererster Linie also die Beschäftigung mit Regional- und Landesgeschichte, mit Sozial-, Wirtschafts- und Rechtsgeschichte. Diese Aspekte werden heute leider viel zu wenig beachtet, im Vordergrund genealogischer Betätigung sehr vieler „Familienforscher“ steht das bloße Aneinanderfügen von ermittelten Generationenfolgen und deren sehr oberflächliche Darstellung in Homepages. Die Verlockungen des Netzes und die Möglichkeiten der Auswertung von Datenbanken und privaten Netzseiten interpretieren heute leider viele als „Genealogie“. Netzrecherche mag bei der Auffindung von Vorfahrenreihen ein möglicher Rechercheweg sein, er führt sicherlich wenigstens zum Teil auch zu befriedigenden Ergebnissen. Erschöpft sich die genealogische Aktivität jedoch in diesem Verfahren kann kaum von ernsthaft betriebener Familiengeschichtsforschung gesprochen werden. Es soll Laienforscher geben, die auf umfangreiche Datenbankbestände verweisen können, aber noch nie eine Kirchenbuchseite gesehen oder eine Verfilmung ausgewertet haben.

Die grundsätzlich sich ergebende Frage nämlich ist, was eigentlich Genealogie bezwecken soll, welche grundsätzliche Ausrichtung sie hat. Diese Frage ist eindeutig zu beantworten, wenn man die Genealogie ernsthaft als historische Hilfswissenschaft begreift. Diesem Anspruch könnte entgegnet werden, dass Vielen die Genealogie „Hobby“ und Freizeitbetätigung ist. Mag sein. Dann aber handelt es sich nicht um ernsthaft und korrekt betriebene Genealogie, sondern allenfalls um „Ahnenforschung“ oder „Familienforschung“ (im minderen Sinne). Genealogie als Hilfswissenschaft betrieben geht jedoch darüber hinaus, hat im Grunde auch nichts mit Freizeitspaß oder Freude am Hobby zu tun (was nicht bedeutet, dass sich die Beschäftigung mit den Vorfahren nicht auch mit innerer Befriedigung und letztlich Freude an den Ergebnissen verbindet).

Dem entspricht, dass ein Teil der sich heute genealogisch betätigenden Freizeitforscher hauptsächlich nur noch Netzrecherchen betreibt, private Netzseiten und Datenbanken ausgewertet werden und sich in spezialisierten Internetforen oder Mailinglisten eingelesen wird. Das aber hat wenig mit Genealogie im ursprünglichen und im tatsächlichen Sinn zu tun. Möglicherweise befindet sich die Genealogie also an einem Scheidepunkt. So sehr die Entwicklung zu begrüßen ist, dass sich wieder breitere Bevölkerungsschichten diesem Thema der eigenen Familiengeschichte zuwenden desto mehr ist eine Tendenz zur Aufweichung von grundlegenden Bedingungen bei der Durchführung familiengeschichtlicher Recherchen zu beobachten.

Diese Entwicklung wird von einer zunehmenden Kommerzialisierung der Genealogie begleitet. Jede Information scheint heute käuflich gemacht werden zu müssen. Dass Rechercheleistungen Aufwand bedeutet, der entsprechend honoriert werden muss soll dabei nicht infrage gestellt werden. Aber so wie alle Bereiche und Lebensgebiete der westlichen Industriegesellschaften einer durchdringenden Monetarisierung unterliegen wird auch die Familiengeschichtsforschung von allen Beteiligten (private Interessenten, Kirchengemeinden, Vereine usw.) inzwischen vollständig und umfassend kommerzialisiert. Dass es hier immer noch ausreichend zu nennende Ausnahmen gibt, lässt andererseits freilich hoffen.
Trotzdem muss die zunehmende Verquickung von Genealogie und Geschäft Sorge bereiten. Es obliegt uns, den aktiven und ernsthaften Laiengenealogen, dieser Entwicklung nicht Vorschub zu leisten und darauf zu achten, dass die ursprünglichen Werte und Verhaltensmaßregeln auch weiterhin Bestand haben und gültig bleiben.

Noch mal 100.000 Mann

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Hier ein Gastbeitrag / Kommentar zu meinem Artikel von unserem Forscherfreund Thomas Engelhardt:

ein guter Beitrag. Der müsste breit gestreut werden und insbesondere an die Adresse der Datensammler gehen, die meinen, eine möglichst große Datensammlung wäre ausreichendes Indiz ernsthafter genealogischer Betätigung. Familiengeschichtsforschung beinhaltet jedoch in erster Linie genealogische Recherche anhand der Primärquellen und ernsthaft betriebene Forschung kann immer nur die Summe akribischer Einzelpersonenforschung sein. Dieses Prinzip wird heute leider viel zu oft missachtet.

Sicherlich ist die Erstellung quellengestützter Datensammlungen und die Erfassung der Daten in Datenbanken eine zeitgemäße Form der Datenspeicherung und Datensicherung,
zumal sich hierdurch rasche Vergleiche und darüber hinaus auch Auswertungen erstellen lassen. Keineswegs aber kann die Erstellung und Präsentation von Datenbanken Sinn und Zweck genealogischer Betätigung sein.
Dies auch unter besonderer Berücksichtigung der Tatsache, dass den meisten der existierenden Datenbanken angesichts einer Fehlerquote von tendenziell > 20 % der wissenschaftliche Wert fehlt bzw. dieser abgesprochen werden muss. In dem Sinne wie die Genealogie nach wie vor als historische Hilfswissenschaft definiert wird geht aber dieser hilfswissenschaftliche Anspruch verloren, wenn Datenbanken nurmehr rein kommerziellen Zwecken dienen (wie etwa bei MyHeritage) oder zumindest wirtschaftliche oder andere (etwa religiöse) Interessen dominieren. Genannt seien hier Ancestry/ RootsWeb oder auch FamilySearch. Die in den genannten Datenbanken erfassten Daten sind sehr oft fehlerhaft wenn nicht schlichtweg falsch und damit wertlos.
Die über Jahrzehnte gewachsene Deutsche Ahnenstammkartei (Astaka) wird beispielsweise seit 1992 nicht mehr fortgeführt und ergänzt, weil ihr aufgrund einer identifizierten Fehlerquote von ca. 15 % der wissenschaftliche Wert abgesprochen wurde und die Kartei überwiegend auf von Laiengenealogen erstellten Daten basiert (sog. Ergebniskartei), denen in der Tendenz eine unkritische bis unwissenschaftliche Arbeitsweise attestiert wird.

Diese Einschätzung möge als Hinweis genügen, wie eine große Zahl von Einzelgenealogen erstellte private Datenbanken zu bewerten sind. Das bedeutet im Umkehrschluss freilich keineswegs, dass viele ernsthafte Laiengenealogen nicht auch quellenbasierte und auf sauberen Recherchen basierende Datenbanken erstellten und erstellen. Jeder von uns kennt solche ambitionierten und engagierten Einzelforscher, die mit viel Aufwand und großer Mühe qualitativ hochwertige Datenbanken vorweisen können. Es kommt mithin auf den jeweiligen Arbeitsstil, die Methodik und die angewendete Quellenkritik an, ob und inwieweit eine Datenbank genealogischem Anspruch genügt oder eben nicht.

Aber noch einmal. Die Masse der präsentierten Datenbanken weist eine zu hohe Fehlerquote auf, um sie ernsthaft in genealogische Betrachtungen einbeziehen zu können. Da Datenbanken in der Regel in private Netzseiten eingebettet sind, ergibt sich ein weiterer Ansatzpunkt für kritische Betrachtungen. Viele private genealogische Websites erfüllen keinen der Mindeststandards genealogischer Präsentationen (Ortsregister, Quellenangaben, Literaturverweise) und müssen daher aus genealogischer Sicht als ungenügend, wenn nicht sogar wertlos bewertet und eingestuft werden. Leider viel zu oft dienen diese privaten Seiten lediglich der Eigendarstellung, weniger der quellengestützten Darstellung eigener Rechercheergebnisse und damit der Präsentation und Information. Sauber und akribisch erarbeitete Ergebnisse aber sind Grundlage jedweder wissenschaftlicher Betätigung und ernsthaft betriebene Genealogie ist am Ende eben mehr als Hobby, Steckenpferd oder Freizeitspaß.

Denn eine weitere Frage ergibt sich:  Was eigentlich ist Zweck genealogischer Recherche oder anders gefragt, welchem Zweck sollte genealogische Forschung dienen? Im Mittelpunkt sollte die Untersuchung der Einbettung des Individuums in seiner Zeit, in seinem sozialen und gesellschaftlichem Umfeld stehen, sein Wirken, seine Abhängigkeiten, seine Bewährung. Individuen sind stets Teil eines größeren Ganzen, einer dörflichen oder städtischen Gemeinschaft, einer sozialen Schicht, der Bevölkerung eines kleinräumigen Territoriums, eines politischen Territoriums, eines Volkes, einer Gesellschaft. Familiengeschichte muss daher stets als Interaktion mit der Gesamtgesellschaft und vor dem Hintergrund großräumig verlaufender historischer Ereignisse, Prozesse, Abläufe betrachtet werden.

Dies bedeutet, dass es vor dem genannten Hintergrund zwingend notwendig erscheint, den Focus eben nicht bzw. nicht ausschließlich auf die Erhebung von Daten zu legen sondern das Leben des Individuums in seiner Zeit zu verstehen, indem allgemeine gesellschaftliche Veränderungsprozesse untersucht werden. Familiengeschichtsforschung ohne Berücksichtigung sozial-, rechts- und wirtschaftsgeschichtlicher Verhältnisse und der entsprechenden Umwälzungs- und Veränderungsprozesse ist nach diesem Verständnis keine genealogische Betrachtungs- und Arbeitsweise. Womit wir wieder beim Ausgangspunkt der Gesamtbetrachtung angekommen wären, dass Genealogie primär immer nur die Summe akribischer Einzelpersonenforschung sein kann. Datenbanken können angesichts dieses Anspruches allenfalls Hilfsmittel und Handwerkszeug sein, niemals aber Selbstzweck.
Gerne lasse ich mich hierüber jedoch in eine Diskussion ein.

Sucht Ihr noch oder findet Ihr schon? Big Data und Genealogie

Big Data

…wieder so ein Zauberwort. Aber was ist das überhaupt und was hat das mit Ahnenforschung zu tun?

Wer ist nicht schon einmal beim Surfen, sei es in einem Online-Shop oder einem Nachrichtenportal auf den Begriff „Verwandte Artikel“ gestoßen? Auch auf dieser Seite wird man diese hilfreichen Hinweise finden. Meistens werden hier die Beiträge mit einer Handvoll Stichwörtern (Tags) versehen, die sich dann auch in den verwandten Themen wiederfinden lassen.

Verwandtschaftsverhältnisse von Toastern und Kaffeemaschinen

Nun, es ist also dank modernster Technik möglich, solche Verknüpfungen herzustellen. Ein Online-Shop weiß zum Beispiel, dass ich mir letzte Woche einen neuen Toaster gekauft habe. Warum der Toaster nun schon wieder kaputt ist, gäbe ausreichend Stoff für weitere Diskussionen z. B. über Qualität und Nachhaltigkeit. So platziert der liebe Online-Krämer an prominenter Stelle die zu meinem Toaster passende Kaffeemaschine. Kann er jetzt schon ahnen, dass die Kaffeemaschine nächste Woche ebenso ihren Geist aufgibt? Sicherlich nicht, aber warum sollte ich sonst schon wieder seinen Shop besuchen!

Dabei ist es immer wieder verblüffend, warum der Online-Händler meines Vertrauens mehr über mich und meine Gewohnheiten weiß, als ich wohl jemals über meinen längst verstorbenen Opa herausfinden werde. Und dieses Wissen teilt er (bewusst oder unbewusst) mit Suchmaschinen, sozialen Netzwerken, Banken, Versicherungen, Geheimdiensten und anderen (Daten-)Händlern. Unsere Datenschutzverordnungen messen hier meiner Meinung nach mit zweierlei Maß. Wie oft werden uns Genealogen aus datenschutzrechtlichen Gründen Steine, wenn nicht Felsbrocken in den Weg gelegt.

Online-Profile – Die genealogische Quellengattung der Zukunft?

In aller Regel werden unsere persönlichen Angaben zusammen mit Kaufverhalten, Bonität, Haarfarbe, Lieblingsbuch, Schwiegermutter und Wohngegend computergestützt zu einem detaillierten Nutzerprofil zusammengebacken. All das akzeptieren wir normalerweise mit den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) des Online-Händlers. Wer liest sich das schon immer durch? Zumal sich die AGBs sehr zur Freude eines neuen Berufszweigs (Abmahnanwälte) teilweise im Wochenrhythmus ändern. Übrigens hilft es gar nichts, sich allmonatlich kettenbriefartige Widerspruchstexte auf die Facebook-Seite zu pinnen. Entweder akzeptiert man die AGBs oder man kündigt den Nutzungsvertrag unter Verlust zahlreicher virtueller Freundschaften.

Auch wenn der Kunde immer König zu sein scheint und der Paketdienstleister jedes noch so große Paket nach Hause bringt, es hat doch ein eigenartiges „Geschmäckle“. Vielleicht verzichtet man eben deshalb auf den Online-Einkauf und kauft weiter beim Händler vor Ort. Aber dann bitte schön in bar und ohne Kunden- oder Bonuskarte. Paranoid angehauchte Zeitgenossen sollten vorher auch noch das Smartphone ausmachen. Denn ein ähnliches Sammelverhalten legen Betreiber von Suchmaschinen oder sozialen Netzwerken sowie diverse Apps an den Tag. Sie verdienen Ihr Geld fast ausschließlich mit dieser Sammelleidenschaft oder der daraus profilangepassten Werbung.

Gern würde ich ein paar Jahrzehnte in die Zukunft schauen können. Mich würde brennend interessieren, ob diese Daten später einmal für Genealogen nutzbar sein werden. In den meisten Fällen wird jedoch die Erkenntnis über das Kaufverhalten des Vorfahren wohl nicht unbedingt im Fokus der genealogischen Forschung stehen. Manche Sachen will man ja auch gar nicht wissen.

Zahncreme-Geschwister und Deo-Cousinen

Für die Wirtschaft sind wir Konsumenten schon dann miteinander verwandt, wenn wir die gleiche Zahncreme kaufen. Stichwort „Kunden, die sich diesen Artikel angesehen haben, interessieren sich auch für…“ Wir unterscheiden uns dann vielleicht nur noch in der Wahl eines anderen Deodorants. Was Sicherheitsbehörden für Rückschlüsse aus solchen Daten ziehen, mag ich mir gar nicht vorstellen.

Mittlerweile hat man jedoch auch in der Wirtschaft erkannt, dass dieser Datenwust nicht mehr beherrschbar ist. Die Reaktion darauf heist „Small Data“. Und auch die EU wird 2018 eine neue Datenschutzverordnung einführen, die den Konsumenten etwas besser vor dieser unkontrollierbaren Datenverknüpferei schützt, was den Umgang mit persönlichen Daten deutlich erschweren soll. Das Ergebnis bleibt wie immer abzuwarten. Ihr dürft Euch jedenfalls schon mal auf viele neue Datenschutzerklärungen freuen.

Was hat das nun alles mit Ahnenforschung zu tun?

Die Ziele von Wirtschaft und Genealogie sind zwar völlig unterschiedlich, die Denkmuster sind jedoch sehr ähnlich. Der Genealoge ist nämlich eine organische Suchmaschine mit vorwiegend natürlicher Intelligenz. Alles, was er findet, versucht er mit bereits gewonnen Daten zu verknüpfen. Meistens landen die so gewonnenen  „Stammbäume“ dann in kommerziellen Online-Datenbanken, auf privaten Websites oder in den Datenbanken genealogischer Vereine wie Compgen.de

Was dann noch nicht in das große Puzzle passt, wird entweder nicht weiter beachtet oder kommt erstmal auf Halde, sprich in die Ablage. Irgendwann findet man vielleicht eine Verwendung für diesen genealogischen Abraum.

Und diese Ablage ist eine riesengroße Fundgrube. Das ist sozusagen unser „Big Data“-Bereich, der bisher nur wenig genutzt wird. Warum? Kaum jemand von uns bietet Informationen, viele suchen einfach nur. Da kommt es entsprechend häufig vor, dass die gleichen Informationen von verschiedenen Forschern zusammengetragen werden, weil man die gleiche Quelle durchsucht hat. Das ist nicht wirklich effektiv und quellenschonend.

„Small Data“ für Genealogen

Habt Ihr nicht auch neben Euren ausführlichen Ahnentafeln und -listen Informationen in Eurer genealogischen Grabbelkiste, die für Euch selbst erst einmal nutzlos erscheinen? Ich könnte wetten, in 2-3 Jahren könnt Ihr Euch nicht einmal mehr daran erinnern, dass Ihr sie überhaupt habt.

Wie wäre dann es, wenn wir alle gemeinsam dieses Wissen zusammentragen und Zahncreme mit Deo verknüpfen? Was meint Ihr? Ich freue mich auf Eure Meinung!