Wahr oder falsch?

Genealogen betrachten sich gern als Wissenschaftler. Historiker sehen das häufig nicht so. Warum eigentlich?

Es geht vielfach um den wissenschaftlichen Diskurs, der von Genealogen angeblich nicht geführt wird. Das mag sicherlich für einige Ahnenforscher gelten, die gerade mit der Forschung begonnen haben. Da werden zunächst die einschlägigen genealogischen Plattformen auf Vorfahren durchsucht. Hat man etwas gefunden, dass annähernd passen könnte, erwacht der Jagdtrieb. Es wird zusammengeklickt, was das Zeug hält. In nur drei Tagen ist man bei Karl dem Großen angelangt. Das ausschlaggebende Kriterium ist dabei, dass die vermeintlichen Vorfahren auch bei 10 anderen Nutzern im Stammbaum auftauchen. Wird also irgendwie schon stimmen…
Ich spreche aus Erfahrung, denn genauso habe ich auch mal angefangen. Nur bin ich nie bei Karl dem Großen gelandet, was ich bis heute tatsächlich nicht bedauere. Irgendwann habe ich dann von anderen Forschern Hinweise bekommen, dass da etwas nicht stimmen kann. Nachdem ich mir die Quellen genauer angesehen habe (dazu musste ich erstmal die alte Schrift lernen), kamen bei mir ebenfalls Zweifel auf. Der Prozess der Korrektur war dabei mühsamer als die ursprüngliche Forschung und dauert teilweise bis heute an.

Es gibt ihn also doch, den wissenschaftlichen Diskurs in genealogischen Kreisen. Man muss sich nur darauf einlassen. Alles was wir erforschen, ist zunächst einmal rein hypothetisch. Und das sowohl für den Genealogen als auch für den Historiker. Vielfach bleibt es nur eine Hypothese, bis man sich gemeinsam Schritt für Schritt einem konsensfähigen Ergebnis nähert. Wenn der Großteil der Forschungsgemeinschaft anhand wissenschaftlicher Prüfung zu der Überzeugung gelangt ist, dass doch etwas Wahres daran sein muss. Eine Hypothese wird allerdings nicht automatisch zu einem Faktum, nur weil 10 andere das Gleiche, vermutlich aber Falsche behaupten, ohne dafür nachprüfbare Beweise zu liefern.

Keiner von uns ist damals hautnah dabei gewesen. Keiner kann daher genau bestimmen, ob die Quelle auch wahrheitsgetreu von den Vorkommnissen berichtet. Getreu dem Motto: “Geschichte ist immer nur von dem, der sie aufschreibt.” Man vergleiche beispielsweise Geschichtsbücher aus der Kaiserzeit, dem Dritten Reich oder aus der DDR mit den heutigen Geschichtsbüchern. Deutlicher kann man den politischen, demagogischen oder religiösen Einfluss auf die Geschichtsschreibung wohl nicht sichtbar machen. “Weß’ Brot ich eß, deß’ Lied ich sing.” gilt seit jeher auch für die historische Wissenschaft. Und ob die heutige Geschichtsschreibung in allen Belangen zweifelsfrei ist, wird die nächste oder übernächste Generation für sich zu entscheiden haben.

Wir können uns anhand der greifbaren Quellen zunächst nur ein grobes Bild machen. Stehen mir nur wenige Quellen zur Verfügung, bleibt es bei einer Bleistiftskizze. Je mehr Quellen mir zur Verfügung stehen, um so farbiger und vollständiger wird das Gesamtbild. Das gilt für die Auseinandersetzung mit der Quelle selbst. Ist sie aussagekräftig genug und werden die Angaben in einer anderen, unabhängigen Quelle bestätigt? Ein schönes Beispiel sind Trauregister. Hier lässt sich mit relativ wenig Aufwand nachprüfen, ob das Aufgebot tatsächlich andernorts mit einem Traueintrag bestätigt werden kann.
Manche Quellen lassen zunächst nur eine Vermutung zu. Ein Johann Christoph Meier, der 1800 im geschätzten Alter von 67 Jahren gestorben ist, muss nicht zwangsläufig der gleichnamige Johann Christoph Meier sein, der 1723 im Ort geboren wurde. Der eine zog weg, der andere zu. Der Kirchenbuchschreiber war der Mathematik nicht unbedingt sehr beflissen. Daher passt vielleicht der Johann Christoph von 1725 oder besser der von 1722? Wir Genealogen müssen uns dann zunächst für einen Johann Christoph entscheiden, wohl wissend, es könnte auch ein anderer sein. Aber dies dann als gegeben hinzunehmen, ist der falsche Weg.

Die genealogische Forschungsgemeinschaft bietet vielfältige Möglichkeiten für einen wissenschaftlichen Diskurs. Mailinglisten, soziale Medien, Internet-Foren und nicht zu vergessen genealogische Fachzeitschriften und Vereinsmitteilungen stehen hierfür zur Verfügung. Sie werden jedoch einfach zu selten hierfür benutzt. In den meisten Fällen sind es schlicht und ergreifend Suchanzeigen, häufig mit “dringend” tituliert. Darauf reagiere ich eigentlich fast nie, dazu fehlt mir einfach die Zeit.

Ein Wissenschaftler sucht nicht, er findet. Aber er erfindet nicht. Die benötigten Quellen hat er auf dem Schirm und kann deren Aussagekraft und Wahrheitsgehalt einigermaßen einschätzen. Ich denke im Übrigen nicht, dass jemand in 100 Jahren die Bild-Zeitung oder Tweets von Donald Trump zitiert. Es sei denn, es geht um das Phänomen an sich.

Wissenschaftler lassen andere Forscher an ihren Erkenntnissen teilhaben und freuen sich über Bestätigung ihrer Hypothesen genauso wie über konstruktive Kritik. Nachprüfbare Quellen geben sie bei jeder wissenschaftlichen Arbeit an, um eigene Hypothesen zu untermauern und eine Nachprüfung durch die Forschergemeinschaft zu ermöglichen. Die meisten unserer Forscherfreunde und Vereinsmitglieder sind mit diesen Grundsätzen wissenschaftlichen Arbeitens sehr wohl vertraut und brauchen sich daher vor studierten Historikern nicht als HiWi (Hilfswissenschaftler) zu verstecken. Am wissenschaftlichen Diskurs sollten wir aber dennoch weiter arbeiten. Weniger Suchanzeigen sondern mehr Priorität auf die Prüfung von Hypothesen. In vielen Fällen kommen dabei sogar neue Erkenntnisse heraus.

Um noch einmal zu Karl dem Großen zu kommen: Eine Nachkommenschaft soll das edle Geblüt, von dem man vermeintlich abstammt in den Vordergrund rücken. Von dem ist nach rund 50 Generationen (möge jeder die Zahl von 50 hoch 2 Vorfahren selbst ausrechnen) nicht mehr viel übrig. Man dokumentiert damit eigentlich nur seinen sozialen Abstieg. Sonst wäre man heute ja selbst auch noch ein Kaiser. Meine Vorfahren waren einfache Bauern und Handwerker und mit meiner Generation sind ihre Wünsche in Erfüllung gegangen. Mir geht es heute deutlich besser als ihnen….

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