Aktuelle Probleme der Genealogie und die “Leipziger Richtlinien”

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Die Leipziger Richtlinien der Deutschen Zentralstelle für Genealogie für die Darstellung genealogischer Rechercheergebnisse sind eindeutig und waren vor dem elektronischen Zeitalter allgemein anerkannt. Die Vorgaben waren klar definiert und für Neueinsteiger standen entsprechende Vordrucke zur Verfügung (die auch heute noch abrufbar sind). Heute, im elektronischen bzw. digitalen Zeitalter macht im Grunde jeder was er will und manchem “Altgenealogen” erscheinen die heute gängigen Netzpräsentationen und Webseiten kaum altbewährten genealogischen Standards entsprechend.

Zu viele unterschiedliche Genealogieprogramme und Datenbanksysteme konkurrieren miteinander (der kundenorientierte “Markt” bietet die entsprechenden Einkaufsmöglichkeiten) und lässt den interessierten Neueinsteiger zumindest am Beginn orientierungslos. Oft werden Grundvoraussetzungen genealogischer Präsentationen missachtet. Nur wenige Webseiten z.B. erfüllen notwendige Bedingungen. Das beginnt bei der Darstellung der Familienstämme, die oft ohne Ortsbezug aufgelistet werden und setzt sich mit der Ortsliste fort, die dann entsprechend ohne Nennung der auftretenden Familiennamen dargestellt wird (so es überhaupt eine solche Ortsliste gibt, je nach verwendetem Programm). Berufslisten und Übersichten bzw. Listen der Stiefahnen fehlen fast regelmäßig vollständig, ganz abgesehen vom notwendigen Quellenwerk und Literaturverzeichnis. Die Programmierer sind sicherlich intelligente Menschen, jedoch scheinbar oft ohne historisches Verständnis, sonst würden früher bekannte Grundsätze anerkannt werden.

Dazu gehört beispielsweise eine Auflistung der Orte im historischen Kontext. Es ist im genealogischen Sinne unsinnig, etwa eine Ortsliste nach heute geltenden politisch-administrativen Zuordnungen (und dann möglicherweise auch noch mit aktuellen bundesdeutschen PLZ versehen) zu erstellen. Vorteilhafter ist es stets, eine Zuordnung zu verwenden, die der Länder- und Ämtergliederung des I. Reiches (bis 1806) entsprach, weil der zahlenmäßig kleinste Teil der Vorfahren (zumindest in unserer Generation zeitlich absteigend bis zur 4. oder 5. Ahnenreihe) im 19. Jh. gelebt haben dürfte, die zahlenmäßig weitaus größere Vorfahrengruppe aber bereits vor 1800 lebte. Dementsprechend ist das Hauptaugenmerk einer Ortsliste auf diese Zeit zu legen, nicht auf das 19. oder 20. Jh. Wenn in einer beliebigen Ortsliste beispielsweise zu lesen ist “Wroclaw/ Polen: Meyer, Müller, Schulze” so ist das historisch und sachlich falsch, weil die betreffenden Probanden niemals in Wroclaw/ Polen ansässig waren (man kann sich helfen: Breslau, Prov. Schlesien, heute Wroclaw/ Polen). Dies nur als ein Beispiel.

Die Defizite werden sichtbar, wenn es sich um die Einordnung von möglicherweise noch mehrfach im politischen Territorium eines deutschen Landes vorkommenden Ortes handelt, der nicht eindeutig benannt wird. So verlor das bis 1806 bestehende Kurfürstentum Sachsen 1815 (als nunmehriges Königreich) beispielsweise drei Fünftel seines damaligen Staatsgebietes mit etwa 40 % seiner Bevölkerung an Preußen. Preußen fasste diese annektierten Gebiete i.J. 1815 als ein nunmehriges Herzogtum Sachsen zusammen und gliederte es noch im gleichen Jahr an Preußen an. Noch 1815 wurde daraus die neue preußische Provinz Sachsen und dieselbe in Preußen eingegliedert. So wurden zwei Fünftel der früheren Sachsen zu preußischen Staatsbürgern und aus zeitgenössischen Berichten ist bekannt, wie sehr die betroffene Bevölkerung darunter litt. Zeitgenossen des 20./ 21. Jh. können sich das heute nicht mehr vorstellen, aber die Menschen
des 18. u. z.T. noch des 19. Jh. definierten sich zuallererst noch lediglich über die Landschaft, in der sie lebten, dann über das politische Territorium, dem sie angehörten (also Sachsen, Braunschweig, Hannover usw.). Eine deutsche Identität in dem Sinne gab es (noch) nicht.

Wie aber findet diese historische Konstellation ihren Niederschlag in den Netzpräsentationen von heute, in den quantitativ aufgeblähten Datenbanken? Aus leichtfertigen Umgang mit geographischen Termini (meist aus Unkenntnis historischer Zusammenhänge) erwachsen dann oft Missverständnisse und falsch eingeordnete Fragestellungen in Mailinglisten und Genealogieforen. Vielen Laiengenealogen sind geographische Begriffe wie zum Beispiel “Sachsen” eben nicht geläufig. Dabei wird der alte Grundsatz missachtet, dass geographische Bezeichnungen (ebenso freilich Rechts- und sozioökonomische Begriffe) an Ort und Zeit, mithin den konkreten politisch-administrativen Raum gebunden sind. Würden diese ausreichend untersucht und hinterfragt käme es nicht zu Missverständnissen und falschen Zuordnungen. So manchem heutigen Laiengenealogen ist beispielsweise der Unterschied zwischen Sachsen und der preußischen Provinz Sachsen nicht klar. So kommt es immer wieder auch zu Verwechslungen zwischen der Landeskirche Sachsen und der ev. Kirchenprovinz Sachsen. Dass “Sachsen” noch zur Goethezeit eine völlig andere Bedeutung hatte wird überdies außer Acht gelassen. Damals unterschied man zwischen dem albertinischen Kursachsen und Sachsen, das ist das ernestinische Sachsen, heute den größeren Teil des Bundeslandes Thüringen bildend. Die Zeitgenossen Goethes sprachen überwiegend von Sachsen, nur selten von Thüringen (dieses nur ein Landschaftsbegriff, zumal es auch kursächsische Ämter in Thüringen, den Thüringer Kreis bildend, gab) wenn sie die sächsisch-ernestinischen Herzogtümer meinten. Auch an diesem Beispiel wird deutlich, wie sich die Bedeutung geographischer Bezeichnungen im geschichtlichen Prozess verändert.

Es kann nur immer wieder darauf hingewiesen werden, dass sich jeder Laiengenealoge darüber klarwerden muss, was er mit seinen genealogischen Recherchen eigentlich bezwecken will. Die Antriebe, sich genealogisch zu betätigen sind sicherlich vielfältig, die individuellen Intentionen ebenso. Der ernsthafte (Laien-)Genealoge wird immer bemüht sein, das Leben der Vorfahren im Kontext der Zeit zu betrachten, also nicht in erster Linie Daten zu recherchieren (und diese in an sich wertlosen Datenbanken zu präsentieren), sondern das Leben von Individuen (Vorfahren) und Kleingruppen (Handwerker, Sonderberufe, Führungsschichten, Adlige) in ihrer Zeit untersuchen. Genealogie ist in allererster Linie also die Beschäftigung mit Regional- und Landesgeschichte, mit Sozial-, Wirtschafts- und Rechtsgeschichte. Diese Aspekte werden heute leider viel zu wenig beachtet, im Vordergrund genealogischer Betätigung sehr vieler “Familienforscher” steht das bloße Aneinanderfügen von ermittelten Generationenfolgen und deren sehr oberflächliche Darstellung in Homepages. Die Verlockungen des Netzes und die Möglichkeiten der Auswertung von Datenbanken und privaten Netzseiten interpretieren heute leider viele als “Genealogie”. Netzrecherche mag bei der Auffindung von Vorfahrenreihen ein möglicher Rechercheweg sein, er führt sicherlich wenigstens zum Teil auch zu befriedigenden Ergebnissen. Erschöpft sich die genealogische Aktivität jedoch in diesem Verfahren kann kaum von ernsthaft betriebener Familiengeschichtsforschung gesprochen werden. Es soll Laienforscher geben, die auf umfangreiche Datenbankbestände verweisen können, aber noch nie eine Kirchenbuchseite gesehen oder eine Verfilmung ausgewertet haben.

Die grundsätzlich sich ergebende Frage nämlich ist, was eigentlich Genealogie bezwecken soll, welche grundsätzliche Ausrichtung sie hat. Diese Frage ist eindeutig zu beantworten, wenn man die Genealogie ernsthaft als historische Hilfswissenschaft begreift. Diesem Anspruch könnte entgegnet werden, dass Vielen die Genealogie “Hobby” und Freizeitbetätigung ist. Mag sein. Dann aber handelt es sich nicht um ernsthaft und korrekt betriebene Genealogie, sondern allenfalls um “Ahnenforschung” oder “Familienforschung” (im minderen Sinne). Genealogie als Hilfswissenschaft betrieben geht jedoch darüber hinaus, hat im Grunde auch nichts mit Freizeitspaß oder Freude am Hobby zu tun (was nicht bedeutet, dass sich die Beschäftigung mit den Vorfahren nicht auch mit innerer Befriedigung und letztlich Freude an den Ergebnissen verbindet).

Dem entspricht, dass ein Teil der sich heute genealogisch betätigenden Freizeitforscher hauptsächlich nur noch Netzrecherchen betreibt, private Netzseiten und Datenbanken ausgewertet werden und sich in spezialisierten Internetforen oder Mailinglisten eingelesen wird. Das aber hat wenig mit Genealogie im ursprünglichen und im tatsächlichen Sinn zu tun. Möglicherweise befindet sich die Genealogie also an einem Scheidepunkt. So sehr die Entwicklung zu begrüßen ist, dass sich wieder breitere Bevölkerungsschichten diesem Thema der eigenen Familiengeschichte zuwenden desto mehr ist eine Tendenz zur Aufweichung von grundlegenden Bedingungen bei der Durchführung familiengeschichtlicher Recherchen zu beobachten.

Diese Entwicklung wird von einer zunehmenden Kommerzialisierung der Genealogie begleitet. Jede Information scheint heute käuflich gemacht werden zu müssen. Dass Rechercheleistungen Aufwand bedeutet, der entsprechend honoriert werden muss soll dabei nicht infrage gestellt werden. Aber so wie alle Bereiche und Lebensgebiete der westlichen Industriegesellschaften einer durchdringenden Monetarisierung unterliegen wird auch die Familiengeschichtsforschung von allen Beteiligten (private Interessenten, Kirchengemeinden, Vereine usw.) inzwischen vollständig und umfassend kommerzialisiert. Dass es hier immer noch ausreichend zu nennende Ausnahmen gibt, lässt andererseits freilich hoffen.
Trotzdem muss die zunehmende Verquickung von Genealogie und Geschäft Sorge bereiten. Es obliegt uns, den aktiven und ernsthaften Laiengenealogen, dieser Entwicklung nicht Vorschub zu leisten und darauf zu achten, dass die ursprünglichen Werte und Verhaltensmaßregeln auch weiterhin Bestand haben und gültig bleiben.

1 Comment

  1. Marc Zschäckel
    12. Februar 2017

    Hallo Thüringer Genealogen,

    ich habe soeben den Artikel “Aktuelle Probleme der Genealogie und die Leipziger Richtlinien” gelesen, da ich über einen Forscherfreund auf Eure Seite gestoßen bin. Je weiter ich gelesen hatte, umso mehr mußte ich dem Beitrag kopfnickend zustimmen. Ich dachte, das wäre doch im Sinne von Thomas Engelhardt und stellte anschließend schmunzelnd fest, daß er es geschrieben hat. Wir sind seit vielen Jahren befreundet, schätzen uns gegenseitig sehr und tauschen uns regelmäßig aus. Das wollte ich nur mal beigesteuert haben.
    Es grüßt aus dem Osterzgebirge Marc Zschäckel, seit 26 Jahren (Hobby-) Kirchen- und Gerichtsbuchforscher in Mitteldeutschland und anderen Regionen. (auch im thür. Becken)

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