Heimatrecht, Heimatschein und Abzugsgeld

Die Mobilität der kleinen Leute gerade auf dem Land war in der Tendenz eher gering. Das war mehreren Ursachen geschuldet. Nur im eigentlichen Heimatort besaßen die Menschen das Heimatrecht, eine Art

früher Sozialversicherung (ohne das jetzt hier weiter zu beschreiben). Aus diesem Grunde stellten die Heimatgemeinden auch sogenannte Heimatscheine aus, eine Art Geleitbrief oder örtlicher Pass (hierfür waren die örtlichen Syndici zuständig, also der Inhaber dieses speziellen dörflichen Wahl- und Ehrenamtes).

Verließ eine Person ihren Heimatort wurde das sog. Abzugsgeld fällig. Das Abzugsgeld war eine Steuer, die z.B. auch bei Verkauf eines Hauses oder der Feldgüter, die im Ort liegen, aus dem man wegzog, fällig wurde. Mit wirklicher Freizügigkeit nach unserem heutigen Verständnis hatte das wenig zu tun. Meistens zogen ja die Bewohner aus einem Ort in einen anderen nicht aus einer Laune heraus, sondern weil sie im neuen Ort einheirateten oder eine Anstellung fanden. Das Gegenstück dazu ist das Lehngeld, welches man beim Erwerb von Grund und Boden entrichtete. Eine weitere ähnlich gelagerte Steuer war das Förderziehgeld. Dieses wurde fällig, wenn man als Mieter in das Haus eines anderen Besitzers zog. In den Dörfern war das jedoch seltener als in den Städten. Aber auch da gab es Einmietlinge und sogenannte Hintersättler.

Aber auch andere Einwohner des Dorfes, gerade auch die Personen, die zur grundbesitzenden  Bevölkerungsschicht gehörten, waren vielfältigen Regularien unterworfen. Individuelle Freiheit in unserem heutigen Sinne wurde eingeschränkt von gesellschaftlichen und ständischen Forderungen und Festlegungen.

Es ist jedoch ein Trugschluss anzunehmen, dass die zur besitzlosen Unterschicht gehörenden Einwohner eines Dorfes oder einer Stadt freizügiger gewesen wären. Allgemein war sowohl die territoriale, mehr noch die soziale Mobilität sehr eingeschränkt. Auch die besitzlosen Einwohner der Städte und Dörfer waren mehr oder minder an ihre Scholle gebunden. Aufgrund der sozialen Verpflichtungen, des Berufes, gesellschaftlicher Normen, eingeführter Gewohnheiten. Der Einzelmensch war mehr als heute in Familie und Nachbarschaft, in sein gesamtes soziales Umfeld eingebunden. Verlor er das oder gab er das preis
war er auf sich allein gestellt und das Scheitern war vorprogrammiert. Nachbarschaft und Familie nahmen dabei Funktionen heutiger Sozialversicherungssysteme wahr.

Zum Nachbarschaftsrecht
Das Recht, in einem Dorfe zu wohnen, und in engerer Bedeutung, sich in demselben ansäßig zu machen, da es denn das ist, was in Städten das Bürgerrecht ist; von Nachbar, ein Dorfseinwohner. Nach dem gemeinen deutschen Rechte werden die Einwohner in den Dörfern eingetheilt 1) in solche, die wirkliches Nachbarrecht genießen, oder 2) die nur ein Grundstück im Dorfe besitzen, oder 3) die bloße Einwohner des Dorfes sind. Die wirkliches Nachbarrecht haben, genießen alle Rechte, und sind zu allen Pflichten verbunden, die sowohl auf den Grundstücken haften, als mit der Wohnung verbunden sind. Wer nur ein Grundstück im Dorfe besitzt, kann nur von solchen Rechten Gebrauch machen, und ist bloß zur Beobachtung solcher Schuldigkeiten verbunden, die auf den Grundstücken ruhen. Dorfeinwohner genießen weiter keine Rechte, und sind nur zur Erfüllung solcher Pflichten verbunden, die von den Einwohnern gefordert werden. Man sehe die Artikel Bauer und Bauerngüter im 3ten Theile dieses Werkes.  (Qu.:  Krünitz Enzyclopädie)

Ein anderes Beispiel ist das Heimatrecht (siehe oben). Dieses war an den Geburtsort eines Individuums gebunden und unwiderruflich. Selbst wenn also theoretisch Freizügigkeit bestanden hätte wäre diese in
unserem heutigen Sinne nicht auslebbar und nicht praktikabel gewesen. Zu starr war die soziale Differenzierung und die Einbindung des Einzelnen in ein allumfassendes gesellschaftliches System.
Ausnahmen gab es freilich immer. Bestimmte Berufe erforderten sogar Mobilität (Müller, Schäfer, Handwerker). Das aber war nicht die Regel.

Das sogenannte Heimatrecht war ein individuelles Rechtsgut und dieses jedoch an die Gemeinde (Gemeinde im Sinne von Gesamteinwohnerschaft eines Ortes) des Geburtsortes einer Person gebunden. Dieses Heimatrecht war unveräußerlich, nicht verwirkbar (außer bei Rechtsbrüchen und begangenen Verbrechen) und nicht übertragbar. Im Falle persönlicher Not konnte jeder zu jeder Zeit in diese seine Heimatgemeinde zurückkehren und hatte dort Anspruch auf minimalste Unterstützung (Unterbringung, Beköstigung). Hierfür verantwortlich war die Nachbarschaft (oder auch mehrere Nachbarschaften in größeren Orten). Aus diesem Grund hatten örtliche Gemeinden wenig Interesse, z.B. Hochschwangere oder durchziehende einzelstehende Frauen aufzunehmen, da das fast stets soziale Verpflichtungen und damit Belastungen auch in späterer Zeit nach sich zog. Heimatscheine sind zum Teil überliefert, in den Überlieferungsbeständen der Archive jedoch oft nur schwer nachzuweisen.

Thomas Engelhardt

Genealotino

Eichsfelder, Familienvater, Ingenieur, Genealoge, Fotograf und begeistert von allen alten und neuen Sachen

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