Noch mal 100.000 Mann

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Hier ein Gastbeitrag / Kommentar zu meinem Artikel von unserem Forscherfreund Thomas Engelhardt:

ein guter Beitrag. Der müsste breit gestreut werden und insbesondere an die Adresse der Datensammler gehen, die meinen, eine möglichst große Datensammlung wäre ausreichendes Indiz ernsthafter genealogischer Betätigung. Familiengeschichtsforschung beinhaltet jedoch in erster Linie genealogische Recherche anhand der Primärquellen und ernsthaft betriebene Forschung kann immer nur die Summe akribischer Einzelpersonenforschung sein. Dieses Prinzip wird heute leider viel zu oft missachtet.

Sicherlich ist die Erstellung quellengestützter Datensammlungen und die Erfassung der Daten in Datenbanken eine zeitgemäße Form der Datenspeicherung und Datensicherung,
zumal sich hierdurch rasche Vergleiche und darüber hinaus auch Auswertungen erstellen lassen. Keineswegs aber kann die Erstellung und Präsentation von Datenbanken Sinn und Zweck genealogischer Betätigung sein.
Dies auch unter besonderer Berücksichtigung der Tatsache, dass den meisten der existierenden Datenbanken angesichts einer Fehlerquote von tendenziell > 20 % der wissenschaftliche Wert fehlt bzw. dieser abgesprochen werden muss. In dem Sinne wie die Genealogie nach wie vor als historische Hilfswissenschaft definiert wird geht aber dieser hilfswissenschaftliche Anspruch verloren, wenn Datenbanken nurmehr rein kommerziellen Zwecken dienen (wie etwa bei MyHeritage) oder zumindest wirtschaftliche oder andere (etwa religiöse) Interessen dominieren. Genannt seien hier Ancestry/ RootsWeb oder auch FamilySearch. Die in den genannten Datenbanken erfassten Daten sind sehr oft fehlerhaft wenn nicht schlichtweg falsch und damit wertlos.
Die über Jahrzehnte gewachsene Deutsche Ahnenstammkartei (Astaka) wird beispielsweise seit 1992 nicht mehr fortgeführt und ergänzt, weil ihr aufgrund einer identifizierten Fehlerquote von ca. 15 % der wissenschaftliche Wert abgesprochen wurde und die Kartei überwiegend auf von Laiengenealogen erstellten Daten basiert (sog. Ergebniskartei), denen in der Tendenz eine unkritische bis unwissenschaftliche Arbeitsweise attestiert wird.

Diese Einschätzung möge als Hinweis genügen, wie eine große Zahl von Einzelgenealogen erstellte private Datenbanken zu bewerten sind. Das bedeutet im Umkehrschluss freilich keineswegs, dass viele ernsthafte Laiengenealogen nicht auch quellenbasierte und auf sauberen Recherchen basierende Datenbanken erstellten und erstellen. Jeder von uns kennt solche ambitionierten und engagierten Einzelforscher, die mit viel Aufwand und großer Mühe qualitativ hochwertige Datenbanken vorweisen können. Es kommt mithin auf den jeweiligen Arbeitsstil, die Methodik und die angewendete Quellenkritik an, ob und inwieweit eine Datenbank genealogischem Anspruch genügt oder eben nicht.

Aber noch einmal. Die Masse der präsentierten Datenbanken weist eine zu hohe Fehlerquote auf, um sie ernsthaft in genealogische Betrachtungen einbeziehen zu können. Da Datenbanken in der Regel in private Netzseiten eingebettet sind, ergibt sich ein weiterer Ansatzpunkt für kritische Betrachtungen. Viele private genealogische Websites erfüllen keinen der Mindeststandards genealogischer Präsentationen (Ortsregister, Quellenangaben, Literaturverweise) und müssen daher aus genealogischer Sicht als ungenügend, wenn nicht sogar wertlos bewertet und eingestuft werden. Leider viel zu oft dienen diese privaten Seiten lediglich der Eigendarstellung, weniger der quellengestützten Darstellung eigener Rechercheergebnisse und damit der Präsentation und Information. Sauber und akribisch erarbeitete Ergebnisse aber sind Grundlage jedweder wissenschaftlicher Betätigung und ernsthaft betriebene Genealogie ist am Ende eben mehr als Hobby, Steckenpferd oder Freizeitspaß.

Denn eine weitere Frage ergibt sich:  Was eigentlich ist Zweck genealogischer Recherche oder anders gefragt, welchem Zweck sollte genealogische Forschung dienen? Im Mittelpunkt sollte die Untersuchung der Einbettung des Individuums in seiner Zeit, in seinem sozialen und gesellschaftlichem Umfeld stehen, sein Wirken, seine Abhängigkeiten, seine Bewährung. Individuen sind stets Teil eines größeren Ganzen, einer dörflichen oder städtischen Gemeinschaft, einer sozialen Schicht, der Bevölkerung eines kleinräumigen Territoriums, eines politischen Territoriums, eines Volkes, einer Gesellschaft. Familiengeschichte muss daher stets als Interaktion mit der Gesamtgesellschaft und vor dem Hintergrund großräumig verlaufender historischer Ereignisse, Prozesse, Abläufe betrachtet werden.

Dies bedeutet, dass es vor dem genannten Hintergrund zwingend notwendig erscheint, den Focus eben nicht bzw. nicht ausschließlich auf die Erhebung von Daten zu legen sondern das Leben des Individuums in seiner Zeit zu verstehen, indem allgemeine gesellschaftliche Veränderungsprozesse untersucht werden. Familiengeschichtsforschung ohne Berücksichtigung sozial-, rechts- und wirtschaftsgeschichtlicher Verhältnisse und der entsprechenden Umwälzungs- und Veränderungsprozesse ist nach diesem Verständnis keine genealogische Betrachtungs- und Arbeitsweise. Womit wir wieder beim Ausgangspunkt der Gesamtbetrachtung angekommen wären, dass Genealogie primär immer nur die Summe akribischer Einzelpersonenforschung sein kann. Datenbanken können angesichts dieses Anspruches allenfalls Hilfsmittel und Handwerkszeug sein, niemals aber Selbstzweck.
Gerne lasse ich mich hierüber jedoch in eine Diskussion ein.

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