Sucht Ihr noch oder findet Ihr schon? Big Data und Genealogie

Big Data

…wieder so ein Zauberwort. Aber was ist das überhaupt und was hat das mit Ahnenforschung zu tun?

Wer ist nicht schon einmal beim Surfen, sei es in einem Online-Shop oder einem Nachrichtenportal auf den Begriff „Verwandte Artikel“ gestoßen? Auch auf dieser Seite wird man diese hilfreichen Hinweise finden. Meistens werden hier die Beiträge mit einer Handvoll Stichwörtern (Tags) versehen, die sich dann auch in den verwandten Themen wiederfinden lassen.

Verwandtschaftsverhältnisse von Toastern und Kaffeemaschinen

Nun, es ist also dank modernster Technik möglich, solche Verknüpfungen herzustellen. Ein Online-Shop weiß zum Beispiel, dass ich mir letzte Woche einen neuen Toaster gekauft habe. Warum der Toaster nun schon wieder kaputt ist, gäbe ausreichend Stoff für weitere Diskussionen z. B. über Qualität und Nachhaltigkeit. So platziert der liebe Online-Krämer an prominenter Stelle die zu meinem Toaster passende Kaffeemaschine. Kann er jetzt schon ahnen, dass die Kaffeemaschine nächste Woche ebenso ihren Geist aufgibt? Sicherlich nicht, aber warum sollte ich sonst schon wieder seinen Shop besuchen!

Dabei ist es immer wieder verblüffend, warum der Online-Händler meines Vertrauens mehr über mich und meine Gewohnheiten weiß, als ich wohl jemals über meinen längst verstorbenen Opa herausfinden werde. Und dieses Wissen teilt er (bewusst oder unbewusst) mit Suchmaschinen, sozialen Netzwerken, Banken, Versicherungen, Geheimdiensten und anderen (Daten-)Händlern. Unsere Datenschutzverordnungen messen hier meiner Meinung nach mit zweierlei Maß. Wie oft werden uns Genealogen aus datenschutzrechtlichen Gründen Steine, wenn nicht Felsbrocken in den Weg gelegt.

Online-Profile – Die genealogische Quellengattung der Zukunft?

In aller Regel werden unsere persönlichen Angaben zusammen mit Kaufverhalten, Bonität, Haarfarbe, Lieblingsbuch, Schwiegermutter und Wohngegend computergestützt zu einem detaillierten Nutzerprofil zusammengebacken. All das akzeptieren wir normalerweise mit den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) des Online-Händlers. Wer liest sich das schon immer durch? Zumal sich die AGBs sehr zur Freude eines neuen Berufszweigs (Abmahnanwälte) teilweise im Wochenrhythmus ändern. Übrigens hilft es gar nichts, sich allmonatlich kettenbriefartige Widerspruchstexte auf die Facebook-Seite zu pinnen. Entweder akzeptiert man die AGBs oder man kündigt den Nutzungsvertrag unter Verlust zahlreicher virtueller Freundschaften.

Auch wenn der Kunde immer König zu sein scheint und der Paketdienstleister jedes noch so große Paket nach Hause bringt, es hat doch ein eigenartiges „Geschmäckle“. Vielleicht verzichtet man eben deshalb auf den Online-Einkauf und kauft weiter beim Händler vor Ort. Aber dann bitte schön in bar und ohne Kunden- oder Bonuskarte. Paranoid angehauchte Zeitgenossen sollten vorher auch noch das Smartphone ausmachen. Denn ein ähnliches Sammelverhalten legen Betreiber von Suchmaschinen oder sozialen Netzwerken sowie diverse Apps an den Tag. Sie verdienen Ihr Geld fast ausschließlich mit dieser Sammelleidenschaft oder der daraus profilangepassten Werbung.

Gern würde ich ein paar Jahrzehnte in die Zukunft schauen können. Mich würde brennend interessieren, ob diese Daten später einmal für Genealogen nutzbar sein werden. In den meisten Fällen wird jedoch die Erkenntnis über das Kaufverhalten des Vorfahren wohl nicht unbedingt im Fokus der genealogischen Forschung stehen. Manche Sachen will man ja auch gar nicht wissen.

Zahncreme-Geschwister und Deo-Cousinen

Für die Wirtschaft sind wir Konsumenten schon dann miteinander verwandt, wenn wir die gleiche Zahncreme kaufen. Stichwort „Kunden, die sich diesen Artikel angesehen haben, interessieren sich auch für…“ Wir unterscheiden uns dann vielleicht nur noch in der Wahl eines anderen Deodorants. Was Sicherheitsbehörden für Rückschlüsse aus solchen Daten ziehen, mag ich mir gar nicht vorstellen.

Mittlerweile hat man jedoch auch in der Wirtschaft erkannt, dass dieser Datenwust nicht mehr beherrschbar ist. Die Reaktion darauf heist „Small Data“. Und auch die EU wird 2018 eine neue Datenschutzverordnung einführen, die den Konsumenten etwas besser vor dieser unkontrollierbaren Datenverknüpferei schützt, was den Umgang mit persönlichen Daten deutlich erschweren soll. Das Ergebnis bleibt wie immer abzuwarten. Ihr dürft Euch jedenfalls schon mal auf viele neue Datenschutzerklärungen freuen.

Was hat das nun alles mit Ahnenforschung zu tun?

Die Ziele von Wirtschaft und Genealogie sind zwar völlig unterschiedlich, die Denkmuster sind jedoch sehr ähnlich. Der Genealoge ist nämlich eine organische Suchmaschine mit vorwiegend natürlicher Intelligenz. Alles, was er findet, versucht er mit bereits gewonnen Daten zu verknüpfen. Meistens landen die so gewonnenen  „Stammbäume“ dann in kommerziellen Online-Datenbanken, auf privaten Websites oder in den Datenbanken genealogischer Vereine wie Compgen.de

Was dann noch nicht in das große Puzzle passt, wird entweder nicht weiter beachtet oder kommt erstmal auf Halde, sprich in die Ablage. Irgendwann findet man vielleicht eine Verwendung für diesen genealogischen Abraum.

Und diese Ablage ist eine riesengroße Fundgrube. Das ist sozusagen unser „Big Data“-Bereich, der bisher nur wenig genutzt wird. Warum? Kaum jemand von uns bietet Informationen, viele suchen einfach nur. Da kommt es entsprechend häufig vor, dass die gleichen Informationen von verschiedenen Forschern zusammengetragen werden, weil man die gleiche Quelle durchsucht hat. Das ist nicht wirklich effektiv und quellenschonend.

„Small Data“ für Genealogen

Habt Ihr nicht auch neben Euren ausführlichen Ahnentafeln und -listen Informationen in Eurer genealogischen Grabbelkiste, die für Euch selbst erst einmal nutzlos erscheinen? Ich könnte wetten, in 2-3 Jahren könnt Ihr Euch nicht einmal mehr daran erinnern, dass Ihr sie überhaupt habt.

Wie wäre dann es, wenn wir alle gemeinsam dieses Wissen zusammentragen und Zahncreme mit Deo verknüpfen? Was meint Ihr? Ich freue mich auf Eure Meinung!

Eichsfelder, Familienvater, Ingenieur, Genealoge, Fotograf und begeistert von allen alten und neuen Sachen Aktuelle Genealogie-Projekte: - OFBs im Gothaer Land: Seebergen, Grabsleben, Cobstädt, Gräfenhain, Günthersleben, Wechmar etc. - Herrmann´scher Familienverband http://genealogie-herrmann.de - Schuldiener-Datenbank Sachsen-Gotha http://geneathuer.de - Auswanderer-Datenbank Thüringen http://auswanderer-thueringen.de

1 Comment

  1. Jörg K.
    17. Mai 2016

    Hallo Tino, wie ich selbst schon hier auf Site geschrieben habe, finde ich gemeinsame Forschung wichtig, interessant und zielführend.
    Genau dieses sollte eigentlich schon das Ziel eines jeden Gruppenmitgliedes sein. Wozu sonst ein Verein? Gemeinsame Treffen, JHV’s, … schön und gut, aber wenn jeder für sich nach Eisenach, Magdeburg, Kassel fährt und die KB tausendfach umgeblättert werden, ist das kaum vernünftig.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.